Cesare Joe Colombo Biografie Autor Bianca Killmann Tagwerc

Biografie zu Joe Colombo

Cesare „Joe“ Colombo wird am 30. Juli 1930 in Mailand, Italien, geboren. Colombo erblickt an jenem geschichtsträchtigen Tag das Licht der Welt als Gastgeber Uruguay bei der ersten Fußball Weltmeisterschaft der Geschichte die Fußball Nationalmannschaft Argentiniens im Finale mit 4:2 schlägt und Weltmeister wird. Es ist aber auch das Jahr nach dem Crash der New Yorker Börse im Oktober 1929 und der Beginn der Weltwirtschaftskrise mit all seinen Entbehrungen und Nöten, in die der kleine Cesare hineingeboren wird.

Da wundert es nicht, dass Cesare, der sich später Joe nennen wird, aus dieser durchlebten Not heraus eine Vorliebe für gutes Essen, schnelle Autos und edle Kleidung entwickeln wird. Seine Freizeit verbringt er mit Freunden beim Skifahren, Jazz musizieren und in Jazz Clubs. Er mixt phantastische Cocktails und die Tabakpfeife, in der Malerei moralisierendes Sinnbild für Unmäßigkeit oder Eitelkeit, wird sein Markenzeichen. Zu Lebzeiten wird ihm der Ruf eines Lebemannes vorauseilen und man könnte Joe Colombo zweifellos als einen Dandy bezeichnen, einen Virtuosen der Lebenskunst und des Lebensstils.

Gianni und Joe

Als ältester Sohn eines Elektrohändlers – sein Bruder Gianni wird 1937 geboren – wächst Cersare Colombo in den zunächst einfachen Verhältnissen eines Unternehmerhaushaltes zu Zweiten der Weltwirtschaftskrise auf. Für den heranwachsenden Cesare ist es selbstverständlich, im elterlichen Betrieb auszuhelfen und als der Vater 1959 verstirbt, übernimmt der 29-jährige Colombo das elterliche Geschäft und führt eine Reihe von Neuerungen, innovative Herstellungstechniken und moderne Materialien, ein. Die Familie hält zusammen und gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Gianni stellt Joe im Jahre 1962 eine selbstentwickelte Leuchte vor, die sich die Vorzüge des neuen, thermoplastischen Materials Acrylglas zunutze macht und das Licht von der Quelle aus weiterleitet und indirekt abstrahlt: das Modell 281. Schnell erhält die Tischleuchte aufgrund ihres verarbeiteten Materials den Spitznamen „Acrilica“, unter welchem sie bis heute von der italienischen Leuchtenmanufaktur Oluce produziert wird. Doch 1962 ist nicht nur das Entstehungsjahr der erste Produktentwicklung der Colombo Brüder. Im selben Jahr eröffnet Joe in Mailand ein Studio für Industriedesign und Innenarchitektur. In der (Neu)Gestaltung von Gegenständen und Lebensräumen sieht er seine Zukunft.

Ausbildung und Autohandel

Hierbei kommt Colombo seine gestalterische Ausbildung zugute. Denn bis 1949 hatte er zunächst an der Accademia di Belle Arte di Brera bildende Kunst, also Malerei und Bildhauerei, studiert und ein Architekturstudium am Mailänder Polytechnikum bis 1954 angeschlossen. Da ist Colombo neben Enrico Baj und Sergio Dangelo auch Mitglied der Design Gruppe „Movimento Nucleare“, einer Künstlergruppe, die sich 1950 formiert als Reaktion auf die Atombombenabwürfe auf das japanische Hiroshima und Nagasaki und das Wettrüsten der Supermächte USA und UdSSR. 1954 richtet Colombo eine Keramikausstellung anlässlich der zehnten Triennale in Mailand aus. Im Anschluss an das Studium verdient sich Joe Colombo seine Brötchen als Bildhauer und Maler mit Schwerpunkt „abstrakter Expressionismus“ und zwischendurch auch als Autoverkäufer – um seinen Lebensunterhalt zu sichern.

Raketenhafter Aufstieg

Nicht einmal ein Jahrzehnt lang währt die gestalterische Schaffensperiode Colombos, die 1962 beginnt und bereits 1971 endet. In dieser überaus produktiven Zeit entstehen eine Reihe von Arbeiten, hauptsächlich Auftragsarbeiten, denn Colombo wird zum Shootingstar der Designszene. Im Bereich des Industriedesigns entstehen Autos, Uhren sowie das Bordservice der italienische Fluglinie Alitalia. Abet Laminati, Alessi, Bayer, Bernini, Boffi, Bonacina Pierantonio, Candy, ICF Industrie Carnovali, Kartell, Olivari, Oluce, Progetti, Rosenthal und Zanotta sind einige der vielen Auftraggeber, die Joe Colombos Entwürfe zum Teil bis heute produzieren. B—Line wird einige der später nicht mehr hergestellten Designklassiker Colombos zum Ende des 20. Jahrhunderts wieder neu auflegen. Allen voran der Rollcontainer „Boby“, der „Multichair“, beide von 1970, das Regalmodul „Ring“ und das Sitzkissen Crossed, beide von 1963, welche er gerne in seiner Mailänder Wohnung verwendete. Überhaupt nutzte Colombo seine Privaträume als Showroom, in welchen er seine Gestaltungsentwürfe ausprobierte und dabei ganz nebenbei dem bestmöglichen Praxistest unterzog.

Designansatz und Designkonzept

Am Beispiel des Stapelstuhls „Universale“ wird der multifunktionale Designansatz und das besondere Designkonzept Colombos deutlich. Bereits im Jahre 1964 entworfen, kann der Kunststoffstuhl aufgrund der erforderlichen Technologie erst im Jahre 1967 von Kartell in Serie produziert werden. Der stapelbare Stuhl zeichnet sich durch eine Modulare Bauweise aus: an ein Grundgerüst angesetzte Beine sollten bis zur gewünschten Höhe individuell erweiterbar sein. Auf diese Weise könnte Universale nicht nur als Küchen- und Esszimmerstuhl dienen, sondern gleichzeitig auch als Barhocker. Das Material Kunststoff kombiniert mit kräftigen Farben und organischen Formen wie Colombo sie einsetzt, sind auf eine Art typisch für das Design der 1960er Jahre. Beeindruckend und außergewöhnlich sind dabei jedoch markante Formen und Multifunktionalität. Ein Bett ist nicht bloß ein Bett, ein Regal nicht einfach nur ein Regal.

Individuelle Bedürfnisse und wechselnde Bewohner

Bei „Ring“ beispielsweise lässt sich ein einzelnes, quaderförmiges Grundelement, gefertigt aus Metall und Holz, multiplizieren und zu einem dekorativen Regelsystem erweitern. Ergänzende Rollen verleihen dem Regal zusätzlich eine ungewohnte Mobilität. Ein völlig neuer Ansatz in Zeiten von Einbauschränken und Holzschrankwänden. Genau dem gleichen Prinzip folgen die Sessel „Multichair“ und „Tube Chair“ mit praktisch grenzenlosen Nutzungsmöglichkeiten. Colombo sah den Wohnraum der Zukunft nicht als festinstallierte, unbewegliche Kulisse sondern als multifunktionale, interaktive Einheit, die sich den individuellen Bedürfnissen wechselnder Bewohner anpasst. Neben Colombos eigenem Apartment aus dem Jahre 1970 sind es vor allem die Rauminstallation „Visiona 1“ im Rahmen der Kölner Möbelmesse in 1969, die Joe Colombos visionäre Utopien erlebbar machen. So soll Joe Colombo enorme Möglichkeiten in der außergewöhnlichen Entwicklung audiovisueller Prozesse gesehen haben und Entfernungen in der Zukunft keine große Bedeutung vorausgesagt haben. Auch die Notwendigkeit in einem Ballungsraum wie einer Großstadt zu leben, werde nach Einschätzung Colombos verschwinden ebenso wie klassische Einrichtungsgegenstände, da der Lebensraum einfach überall sein werde.

Mehr Effizienz – weniger Ballast

Die „Total Furnishing Unit“ Colombos wird erstmals als Teil der Visiona 1 Installation gezeigt und drei Jahre später auch im Museum of Modern Art New York ausgestellt. Colombos Wohn-Unit besteht aus wandelbaren Möbeln. Bei der Visiona 1 Ausstellung ergänzt um einen in die Decke eingebauten Fernseher, eine in schwenkbare Wände integrierte Minibar. Die „Total Furnishing Unit“ besteht aus Möbeln, die verschiedene Funktionen in einzelnen Einheiten kombinieren. Das Resultat: die Einrichtung interagiert mit dem Nutzer, beansprucht viel weniger Platz und unterstützt ein effizientes Leben ohne Ballast. Wenn nun die für die menschliche Existenz notwendigen Elemente mit den alleinigen Erfordernissen der Mobilität und Flexibilität geplant werden könnten, würden wir ein bewohnbares System schaffen, das an jede Situation in Raum und Zeit angepasst werden könnte, so Colombo.

Arbeitsnomaden und offene Küchen

Was zu Lebzeiten Joe Colombos noch futuristisch erscheint, ist heutzutage Realität geworden: Arbeitsnomaden, die mit wenig persönlichem Ballast um die Welt reisen und heute hier und morgen dort arbeiten, mobile Möbel, die manchmal als Nachttisch, bisweilen als Couchtisch oder als Regal im Badezimmer genutzt werden oder offene Küchen, an den Wohnraum angrenzend bzw. sogar in selbigem integriert – all’ das waren tatsächlich die Visionen Joe Colombos.

Von Arbeit (an)getrieben

Doch Joe Colombo ist nicht nur Lebemann, sondern auch ein von der Arbeit (An)getriebener. Das extreme Arbeitsaufkommen fordert schließlich seinen Tribut und so rät der Leibarzt schließlich Colombo sich etwas zurückzunehmen. Am 30. Juli 1971 begibt sich Colombo schließlich auf einen Spaziergang. Während Colombo durch Mailand promeniert, ereilt den Designer ein Herzinfarkt. Der plötzlich Herztod reißt Colombo an seinem 41. Geburtstag abrupt aus dem Leben.

Das Designstudio Colombo wird seitdem von Ignazia Favata geführt. Seit 1968 ist die Mailänderin bereits Colombos Assistentin. In Zusammenarbeit mit der italienischen Möbelschmiede B—Line bringt Favata für das Studio Joe Colombo in Jahre 2004 die Regale „Spinny“ und „Spinny Fixed“ heraus. Die Werke Joe Colombos werden in wechselnden Ausstellungen weltweit gezeigt und sind Teil ständiger Design Ausstellungen, beispielsweise im Museum of Modern Art (MoMa) in New York, USA.

Cesare „Joe“ Colombo ist früh verstorben – in seinen Entwürfen aus dem TAGWERC Design STORE jedoch wird der visionäre Designer auf ewig weiterleben.

Autor der Biografie: Bianca KILLMANN
Die Biografie ist urheberrechtlich geschützt.

Designs

  • 1962
    Tischleuchte Acrilica (zusammen mit Gianni Colombo) für Oluce
  • 1963
    Kompaktküche Mini-Kitchen für Boffi
  • 1964
    Glasserie Smoke
  • 1964
    Sessel Elda
  • 1965
    Stuhl Universale
  • 1965
    Schreibtischleuchte Spider für Oluce
  • 1967
    Stehleuchte Coupé für Oluce
  • 1968
    Stehleuchte Spider für Oluce
  • 1970
    Rollcontainer Boby (heute von B—Line)
  • 1970
    Tube Chair
  • 1970
    Wecker Optic für Alessi
  • 1970
    Leuchte Ciclope
  • 1971
    Barhocker Birillo

Ausstellungen

  • 1969
    Visiona 1 Ausstellung für Bayer

Auszeichnungen

  • 1964
    Goldmedaille der XIII. Triennale in Mailand für Acrilica
  • 1964
    Silbermedaille der XIII. Triennale in Mailand für Mini-Kitchen
  • 1964
    Silbermedaille der XIII. Triennale in Mailand für Combicenter
  • 1967
    Compasso d’Oro Auszeichnung für Tischleuchte Spider
  • 1968
    Erster Preis Tecnhotel für Universale
  • 1968
    International Design Award für Coupé
  • 1968
    BIO 3 Auszeichnung für Universale
  • 1970
    Compasso d’Oro Auszeichnung für Candyzionatore
  • 1970
    Rollwagen Boby (heute von B—Line)
  • 1970
    International Design Award der AIID für Spring

Joe Colombo Design, das von B—Line hergestellt wird.

Rollcontainer BOBY